Qualitätsansprüche an Spenderhornhäute und Konsequenzen für die Gewebespende und -vermittlung

Die Nachfrage der Descemet Membrane Endothelial Keratoplasty (DMEK) als besonders schonendes Operationsverfahren einer Hornhauttransplantation wächst seit Jahren stetig. Parallel gibt es immer mehr Spender mit einer zu Lebzeiten durchgeführten Kataraktoperation. Inwiefern diese Entwicklung die Vermittlung von Augenhornhauttransplantaten erschwert, erklärt Regina Michaelis, Leiterin der Vermittlungsstelle der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation.

Regina, ein Gros deiner Tätigkeit nimmt die Vermittlung von Augenhornhäuten ein – zwei Drittel dieser werden im Rahmen einer DMEK allokiert und transplantiert. Inwiefern betrifft der parallele Anstieg verstorbener Spender mit Kataraktoperation deine tägliche Arbeit?

Das ist derzeit in der Vermittlung eine Herausforderung, da viele Transplantationszentren eine Hornhaut mit Katarakt-OP per se und insbesondere bei einer geplanten DMEK ablehnen. Allerdings werden für dieses Operationsverfahren gerade Spender im fortgeschrittenen Alter von 65 bis 80 Jahren aufgrund der Physiologie der Hornhaut bevorzugt – mit höherem Alter steigt jedoch das Erkrankungsrisiko am Grauen Star.

Welchen Bedenken begegnest du im Austausch mit den Transplantationszentren, die eine voroperierte Spenderhornhaut ablehnen?

Problematisch sind die Narben, die beim Austausch der trüben Linse durch eine Kunstlinse entstehen. Dafür werden mehrere Schnitte am Auge gesetzt, die alle Hornhautschichten, auch die Descemet Membran mit den wichtigen Endothelzellen, durchdringen. Die daraus resultierende tiefe Vernarbung erschwert die Abpräparation der Lamelle. Unter Umständen nimmt das dann mehr Zeit in Anspruch und die Zellen werden zusätzlich beeinträchtigt. Außerdem begrenzen Position und Größe der Narben die freie optische Zone – ein weiteres wichtiges Qualitätskriterium bei den Spenderhornhäuten. Misst die freie optische Zone von Narbe zu Narbe, also im Durchmesser weniger als acht Millimeter, schlagen viele Transplantationszentren das Angebot aus, da die gestanzte Lamelle in diesem Fall höchstens einen Durchmesser von 7,5 Millimeter  haben kann. Für bestimmte Patienten wäre diese optische Zone zu klein.

Und wie äußert sich das in den Anforderungen der Transplantationszentren an eine Spenderhornhaut?

Die Qualitätsansprüche für Spenderhornhäute steigen, unabhängig von der Operationsmethode. Die meisten Transplantationszentren verlangen mindestens 2.300 Zellen pro Quadratmillimeter, um einen Sicherheitspuffer zu haben. Nur wenige akzeptieren 2.200 Zellen oder Werte darunter. Des Weiteren wird verstärkt Wert auf eine möglichst große narbenfreie optische Zone gelegt.

Regina Michalis

leitet seit 2015 die Vermittlungsstelle der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) an ihrem Hauptsitz in Hannover. Die Gewebevermittlung ist Schnittstelle zwischen Spende, Prozessierung und Transplantation. In 2019 vermittelte das Team insgesamt 3.661 Augenhornhauttransplantate an Transplantationszentren deutschlandweit. Der Anteil der für lamelläre Transplantationen vermittelten Hornhäute lag bei über 60 Prozent.