Gewebespende in der COVID-19-Pandemie

Auch in Zeiten der SARS-CoV-2/COVID-19-Pandemie können die Spende und Transplantation von Gewebe erfolgen. Mit einem angepassten Spenderscreening, weiteren Vorsichtsmaßnahmen und dem Engagement von rund 80 Mitarbeiter*innen hält die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG) die Versorgung von Patient*innen mit sicheren Gewebetransplantaten aufrecht. Denn auch jetzt müssen Patient*innen behandelt werden, die keine Alternativen zu Augenhornhaut-, Herzklappen-, Gefäßersatz haben.

Zur Sicherheit von Gewebezubereitungen nimmt das Paul-Ehrlich-Institut Stellung:

Eine Übertragung respiratorischer Viren durch Implantation, Transplantation, Infusion oder Transfer von menschlichen Zellen oder Gewebe sei bisher nicht beschrieben; zum aktuellen Zeitpunkt wurden keine Fälle einer Übertragung von SARS-CoV-2 über Gewebezubereitungen berichtet (Stand 20. März 2020).

Auch laut Global Alliance for Eye Banking Associations (GAEBA) gibt es keine Hinweise darauf, dass Coronaviren durch Bluttransfusionen oder Gewebe- bzw. Zelltransplantationen übertragen werden können (Stand 25. März 2020).

Sorgfältiges Spenderscreening

Grundsätzlich wird bei allen potenziellen Gewebespender*innen mit Sorgfalt eine umfassende Krankengeschichte erhoben. Diese Anamnese wurde um die explizite Abfrage von Reisetätigkeiten und Aufenthalten in COVID-19-Risikogebieten (gemäß Vorgabe des Robert Koch-Instituts) und Kontakten mit COVID-19 Infektions- und Verdachtsfällen erweitert. Potenzielle Gewebespender*innen mit einer bestätigten SARS-CoV-2-Infektion oder mit Kontakt zu Infizierten werden entsprechend der Vorgaben des Paul-Ehrlich-Instituts ausgeschlossen.

Die Risikoeinschätzung von potenziellen Spender*innen wird dokumentiert und unterliegt dem Mehr-Augen-Prinzip: Werden Auffälligkeiten bei der Anamnese festgestellt, findet eine Bewertung durch mehrere Ärzt*innen und Koordinator*innen statt.

Der Spendeprozess wird laufend an aktuelle Entwicklungen angepasst.

Netzwerkstruktur der Gewebespende hilft bei strukturellen Herausforderungen

Im Netzwerk der DGFG engagieren sich mehr als 100 Spendekrankenhäuser und 13 Gewebebanken. Von 31 Standorten aus sind die Koordinator*innen der DGFG bundesweit für die Gewebespende im Einsatz.

Können auf Grund des aktuellen Infektionsgeschehens und organisatorischen Konsequenzen in den Kliniken Spenden an einem Standort nicht realisiert werden, gleichen andere Standorte dieses Defizit aus. Fällt eine Gewebebank in den kommenden Wochen aus, werden Spenden zur Prozessierung und Lagerung an andere Gewebebanken umgelenkt.

An den Spendestandorten, in den DGFG Gewebebanken und in der Verwaltung am Hauptsitz in Hannover wurden Home Office Lösungen und wechselnde Präsenzzeiten eingerichtet. Diese Maßnahmen sollen verhindern, dass im Fall von Quarantäne oder Infektion von Mitarbeiter*innen ganze Regionen und Fachbereiche ihren Betrieb einstellen müssen.

Absage von Gewebetransplantationen fordern die Spende heraus

„Die Netzwerkstruktur ermöglicht ein gewisses Maß an Resilienz in der aktuellen Situation. Dennoch hoffen wir, dass sich alsbald ein gewisses Maß an Stabilität und „Alltag“ in der Krise einstellen wird“, so Martin Börgel, Geschäftsführer der DGFG.

Gewebetransplantationen werden zumeist als elektive Operationen eingestuft und als solche zurzeit mehrheitlich und kurzfristig abgesagt. Insbesondere die Augenhornhautspende stellt dies vor planerische und wirtschaftliche Herausforderungen. Die Augenhornhaut ist weltweit das am häufigsten transplantierte Gewebe. Allein in Deutschland werden jährlich zwischen 7.000 und 8.000 Augenhornhauttransplantationen zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Sehfähigkeit von Patient*innen durchgeführt.

Augenhornhauttransplantate haben jedoch eine begrenzte Lagerfähigkeit von 34 Tagen. Findet keine Transplantation statt, müssen Transplantate verworfen werden. Dies gilt es auch aus ethischen Gründen zu verhindern.

Die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation setzt derzeit alle Bemühungen daran, die Augenhornhautspende an die aktuell gesunkenen Transplantationskapazitäten anzupassen und gleichzeitig eine Notfallversorgung mit Transplantaten zu gewährleisten.

Die Spende von kardiovaskulären und muskuloskelettalen Geweben wird weiterhin – wo möglich – durchgeführt. Diese Gewebe sind bis zu fünf Jahre lagerfähig.

Das ungebremste Engagement unserer Koordinator*innen, Ärzt*innen und Mitarbeiter*innen in der Vermittlung und Verwaltung erfüllt mich mit Stolz. Trotz der aktuellen Herausforderungen zeigt sich die Belegschaft solidarisch im Umgang miteinander und entschlossen gemeinsam für die Gewebespende einzustehen.

Martin BörgelGeschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG)

Druck auf die gemeinnützige Organisation der Gewebespende

Für die DGFG als gemeinnützige Organisation und ihre Mitarbeiter*innen bedeutet die Corona Krise auch wirtschaftliche Herausforderungen. Die Kosten für die Spende, Prozessierung, Lagerung und Vermittlung von Gewebetransplantaten wird über Aufwandspauschalen gedeckt: Kliniken zahlen für Gewebetransplantate einen mit den Krankenkassen vereinbarten Pauschalsatz an die DGFG. Die Krankenkassen erstatten den Kliniken wiederum diese Aufwandspauschale. Finden Transplantationen nicht statt, entfallen diese Pauschalen und damit auch die Refinanzierung der Spende und Prozessierung von Gewebe. Eine direkte, finanzielle Unterstützung der Gewebespende seitens des Staates und Krankenkassen gibt es nicht.

Zudem dürfen gemeinnützige Organisationen nur eingeschränkt Rücklagen finanzieller Mittel bilden (§ 55 Abs. 1 Nr. 5 AO). Durch die Corona Krise steht die DGFG – wie viele andere gemeinnützige Einrichtungen – akut unter massivem finanziellem Druck.