Die Gewebespende an der Universitätsmedizin Mannheim

Dr. med. Peter Tobias Graf ist sowohl Intensivmediziner als auch Transplantationsbeauftragter (TxB) an der Universitätsmedizin Mannheim (UMM). Zusammen mit unseren Gewebespendekoordinatorinnen (GSK) Anna Rausch und Ida Berg, haben wir ihn vor Ort besucht. Im Interview berichtet Dr. Graf, was seine Aufgaben als TxB sind, wie der Gewebespendeprozess mit der DGFG an seinem Klinikum verläuft und welche seine ganz persönliche Motivation ist, dieser Aufgabe nachzugehen.

Was ist Ihre Aufgabe als Intensivmediziner an der Universitätsmedizin Mannheim?

Dr. Graf: Meine Hauptaufgabe als Intensivmediziner ist es, schwerkranke Patient:innen zu versorgen. Das sind z.B. Patient:innen, die wir aufgrund der Komplexität einer Grunderkrankung aus anderen Krankenhäusern übernehmen. Als Anästhesist bin ich außerdem auf der operativen Intensivstation tätig. Dort sind Patient:innen, die entweder geplant oder auch ungeplant nach operativen Eingriffen auf Intensivstationen zumindest zwischenzeitlich betreut werden müssen.

Was ist Ihre Aufgabe als TxB im Bereich der Gewebespende und was hat Sie persönlich dazu bewegt dieser Aufgabe nachzugehen?

Dr. Graf: Ich bin dafür verantwortlich, dass wir Patient:innen detektieren, die Organ- bzw. Gewebespender:in werden können oder vor ihrem Versterben geäußert haben, dass sie Spender:in werden wollen. Diese Patient:innen befinden sich auf den Intensivstationen, da sie  z.B. schwere Hirnschädigungen erlitten haben – was eine Voraussetzung ist, um überhaupt Organspender:in werden zu können. Seit 2014 bin ich auf der Intensivstation tätig und habe nach sieben Jahren die Funktion des Transplantationsbeauftragten aufgenommen. In diesem Zeitraum hatte ich viel mit Organspenden zu tun und habe mich sehr für das Thema interessiert. Hinzukommt, dass ein Familienmitglied selbst organtransplantiert ist.

Das ist auch meine persönliche Motivation. Auf der einen Seite der Intensivmedizin konnte ich sehen, wie Organspenden realisiert werden. Und auf der anderen Seite habe ich das überzeugende Ergebnis einer erfolgreichen Organtransplantation bei einem Familienmitglied erlebt.

Martin Müller, Gewebespendekoordinator am Spendestandort Oldenburg

Intensivmediziner und TxB Dr. Tobias Graf (mitte) zusammen mit den beiden Gewebespendekoordinatorinnen Anna Rausch (links) und Ida Berg (rechts).

Haben Sie im Alltag schon einmal jemanden getroffen, der ein Gewebetransplantat erhalten hat?

Dr. Graf: Gewebetransplantationen sind eine absolute Rarität. Wir sehen eher Patient:innen, die ein Gewebetransplantat erhalten haben und sich aus anderen Gründen im Krankenhaus bzw. der Intensivstation befinden. Die Thematik Gewebespende rückt u.a. durch das Auslagern der Prozesse, z.B. der Zustimmungstelefonate, in den Hintergrund und auch für alle weiteren Mitarbeitenden, die im Krankenhaus tätig sind. Das Auslagern an die DGFG nimmt uns selbstverständlich viel Arbeit ab, führt aber auch dazu, dass das Thema auf den Stationen wenig bekannt ist. Man muss viel Aufklärung leisten, die Personen für dieses Thema sensibilisieren und es auch in der Öffentlichkeit präsent machen. Das passiert bereits durch vielerlei Öffentlichkeitsarbeit aber für die Mitarbeitenden im Gesundheitssektor ist Gewebespende nicht immer präsent.

Wie gelingt die Zusammenarbeit an der UMM mit der DGFG?

Dr. Graf: Die Zuständigkeit für die Gewebespende geht über die Intensivstation hinaus. Wenn jemand verstirbt, kommt die DGFG ins Spiel. Wir haben zwei verschiedene Vorgehensweisen. Wenn wir z.B. mit Angehörigen ohnehin über Organspende sprechen, sprechen wir als ärztliches Team gemeinschaftlich dann auch das Thema Gewebespende an. Diese Fälle sind allerdings eher selten.

Rausch: Häufiger wird die zweite Vorgehensweise über das klinikinterne EDV-System genutzt. Dort haben wir Zugriff auf Listen von Verstorbenen, die zunächst einmal die Fälle aller Stationen des Klinikums enthält. Diese Sterbefälle werden daraufhin zentral erfasst und von uns ausgelesen. Die Angehörigen der Verstorbenen, die für eine Gewebespende in Frage kommen, werden dann von uns Gewebespendekoordinatorinnen kontaktiert.

„Es muss aufgezeigt werden, dass man mit einer Spende –
egal, ob es sich um ein Organ oder ein Gewebe handelt –
so viel bewirken kann.”
– Dr. Tobias Graf

Martin Müller, Gewebespendekoordinator am Spendestandort Oldenburg

Die Aufklärungsarbeit sollte außerdem dazu führen, dass wir höhere Zustimmungsraten haben, im besten Falle nicht durch einen mutmaßlichen Willen, sondern mit einem definitiv im Vorfeld geklärten Willen, der es dann möglich macht, jeden und jede mit Augenhornhaut zu versorgen, die dringend ein Transplantat benötigen.

Rausch: Ich glaube auch, dass es den Angehörigen in den Aufklärungsgesprächen leichter fallen würde, einen mutmaßlichen Willen zu eruieren, wenn man davor in der Familie darüber gesprochen hätte. Es gibt ganz oft Ablehnungen, weil kein Wille bekannt ist und die Angehörigen das, verständlicherweise, in dem Moment nicht entscheiden wollen. Deswegen würde ich mir auch wünschen, dass die Gewebespende und ihre Möglichkeiten mehr Aufmerksamkeit gewinnen.

Berg: Ich würde mir wünschen, dass über die Gewebespende offener gesprochen wird. Ich habe das Gefühl, dass vor allem junge Menschen das Thema immer mehr in ihren Familien besprechen wollen. Das aufeinander Zugehen und diese „Tabuthemen“ anzugehen, hat meiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit gefunden.